Unternehmensgeschichte aufarbeiten: Was Ihr Unternehmen davon hat
Eine aufgearbeitete Unternehmensgeschichte hilft bei Aufgaben, die heute anstehen. Die Geschäftsführung kann eine Presseanfrage mit überprüften Angaben beantworten. Die nächste Generation erfährt, welche Teile der Familiengeschichte belegt sind. Für eine neue Webseite oder ein Firmenjubiläum liegt Material vor, dessen Herkunft bekannt ist. Und wenn über einen Gründernamen, ein Porträt im Eingangsbereich oder eine Gedenktafel entschieden werden soll, lässt sich diese Entscheidung historisch begründen.
Das sind handfeste Gründe, sich mit der eigenen Vergangenheit zu beschäftigen. Eine historische Untersuchung kostet schließlich Geld, benötigt Zeit und kann Fragen aufwerfen, mit denen sich die Eigentümerfamilie bisher kaum beschäftigt hat. Wer sie beauftragt, darf erwarten, dass sich mit den Ergebnissen anschließend arbeiten lässt.
Gerade eine bislang kaum untersuchte NS-Vergangenheit kann solche Vorhaben erschweren. Man weiß womöglich, dass der Betrieb damals weiterbestand, aber wenig über seine Aufträge, die Beschäftigten oder das Verhalten der Verantwortlichen. Eine sorgfältige Aufarbeitung macht aus diesen offenen Punkten bearbeitbare Fragen. Sie schafft Wissen, das im Unternehmen verfügbar bleibt und bei unterschiedlichen Anlässen genutzt werden kann.
Auskunft geben können, ohne zu improvisieren
Nehmen wir eine mögliche Situation: Eine Lokalredaktion bereitet einen Beitrag über frühere Zwangsarbeit am Unternehmensstandort vor und bittet die Geschäftsführung um eine Stellungnahme. Im Haus gibt es eine Jubiläumsschrift, einige Fotos und die Erinnerung, die damalige Leitung habe sich unter schwierigen Umständen anständig verhalten. Wer soll daraus innerhalb weniger Tage eine verlässliche Antwort formulieren?
Eine abgeschlossene Untersuchung verändert diese Ausgangslage. Soweit der betreffende Sachverhalt erforscht wurde, können die Verantwortlichen auf Ergebnisse und Belege zurückgreifen. Sie können Beschäftigungszeiträume nennen, Zuständigkeiten erklären und die Grenzen des bisherigen Wissens offenlegen. Ein neuer Hinweis muss weiterhin geprüft werden. Die Suche beginnt aber nicht jedes Mal von vorn.
Wie folgenreich eine ungeprüfte Selbstdarstellung sein kann, lässt sich an Bertelsmann nachvollziehen. Die Unabhängige Historische Kommission kam 2002 zu dem Ergebnis, dass die überlieferte Erklärung, der Verlag sei 1944 wegen seines Widerstands gegen das Regime geschlossen worden, nicht haltbar war. Die Kommission ordnete die Schließung in die Kriegsbedingungen ein und berücksichtigte ein vorausgegangenes Verfahren wegen des Verdachts illegaler Papierbeschaffung.1
Wer eine alte Festschrift als Quelle für die nächste Rede heranzieht, übernimmt auch deren mögliche Fehler. Mit überprüften Angaben lässt sich die Darstellung korrigieren, bevor sie erneut veröffentlicht wird. Dass eine Geschichte seit Jahrzehnten erzählt wird, ersetzt ihre Prüfung nicht.
Das ist ein unmittelbarer Nutzen für die Geschäftsführung. Sie weiß, welche Darstellung sie vertreten kann und wo sie zurückhaltender formulieren muss. Dazu gehört auch, einen unbegründeten Vorwurf sachlich zurückzuweisen, sofern die Quellen das tragen.
Der nächsten Generation etwas Überprüfbares übergeben
Bei einer Unternehmensnachfolge werden Verträge, Zuständigkeiten und wirtschaftliche Kennzahlen geordnet. Zur Übergabe gehört aber auch das Bild, das eine Familie von ihrem Unternehmen hat. Wofür stand der Gründer? Unter welchen Bedingungen wuchs der Betrieb? Wie kamen weitere Standorte oder Beteiligungen hinzu?
Solche Fragen können persönlich werden, wenn sie Angehörige betreffen, deren Leistung innerhalb der Familie hochgeschätzt wird. Der Hinweis auf ein problematisches Geschäft kann dann wie ein Angriff auf die gesamte Lebensgeschichte wirken. Umgekehrt kann eine berechtigte Nachfrage vorschnell beiseitegeschoben werden, weil man die Person ganz anders in Erinnerung hat.
Eine historische Untersuchung kann helfen, die Diskussion genauer zu führen. Sie benennt einzelne Entscheidungen und ihre Folgen. Ein nachgewiesener wirtschaftlicher Erfolg, eine konkrete Hilfeleistung und eine Beteiligung an Unrecht müssen jeweils erklärt werden. Sie gehen nicht in einem einzigen Urteil über den Menschen auf.
Für Nachfolger entsteht dadurch die Möglichkeit, sich eine begründete eigene Haltung zu erarbeiten. Sie müssen weder jede überlieferte Aussage übernehmen noch die gesamte Familiengeschichte unter Verdacht stellen. Auch Meinungsverschiedenheiten verschwinden dadurch nicht automatisch. Es macht aber einen Unterschied, ob über einen belegten Vorgang und seine Bewertung gestritten wird oder darüber, ob es ihn überhaupt gegeben hat.
Für eine Stiftung kann diese Klärung die Herkunft ihres Vermögens oder die Würdigung eines Stifters betreffen. Die historische Arbeit liefert das Wissen, mit dem Vorstand oder Kuratorium ihre heutige Entscheidung treffen können. Die Verantwortung für diese Entscheidung bleibt bei ihnen.
Einmal recherchieren, die Ergebnisse mehrfach verwenden
Eine fundierte Unternehmensgeschichte lässt sich in unterschiedlichen Formen vermitteln. Aus der Untersuchung können eine verständliche Darstellung auf der Webseite, eine Ausstellung zum Jubiläum oder Materialien für die Einführung neuer Beschäftigter entstehen. Dafür muss der Inhalt jeweils bearbeitet werden; die Recherche und ihre Belege können jedoch gemeinsam genutzt werden.
Das hat einen praktischen Vorteil: Wer später eine Rede vorbereitet oder eine Bildunterschrift schreibt, kann auf dieselben geprüften Angaben zurückgreifen. Korrekturen lassen sich an einer Stelle dokumentieren und in die verschiedenen Darstellungen übernehmen. Voraussetzung ist, dass die Ergebnisse im Unternehmen zugänglich und ihre Nachweise auffindbar sind.
Bei Volkswagen gehören wissenschaftliche Forschung und die Vermittlung der eigenen NS-Geschichte seit Jahrzehnten zu dieser Arbeit. Die Studie von Hans Mommsen und Manfred Grieger erschien 1996; 1999 wurde die überarbeitete Dauerausstellung zur Zwangsarbeit auf dem Werksgelände eröffnet. Das Unternehmen dokumentiert außerdem die Beteiligung von Auszubildenden an der Erinnerungsarbeit in Auschwitz.2
Dokumentiert sind hier eine Ausstellung und Bildungsangebote. Wie stark diese die Haltung einzelner Beschäftigter oder deren Bindung an den Arbeitgeber beeinflusst haben, geht aus der Unternehmensdarstellung nicht hervor. Für einen mittelständischen Betrieb kommen auch kleinere Formate infrage: ein Gespräch mit dem Historiker, eine Ausstellung im Eingangsbereich oder ein Abschnitt in der Einführung neuer Mitarbeiter.
An der eigenen Betriebsgeschichte lässt sich dabei konkret besprechen, wer unter welchen Bedingungen gearbeitet hat und wie frühere Verantwortliche handelten. Die Menschen, die Verfolgung und Zwangsarbeit erlitten, gehören mit ihren Erfahrungen in diese Darstellung. Ihre Geschichte verdient Aufmerksamkeit unabhängig davon, welche Wirkung die Beschäftigung damit auf das heutige Unternehmen hat.
Das Wissen bleibt, wenn Menschen das Unternehmen verlassen
Ein weiterer Nutzen ist weniger öffentlich sichtbar. Er liegt darin, Unterlagen so zu sichern und zu erschließen, dass andere mit ihnen weiterarbeiten können. Ein Foto gewinnt erheblich an Aussagekraft, wenn bekannt ist, wen es zeigt, wann es entstand und aus welchem Zusammenhang es stammt. Eine eingescannt abgelegte Akte hilft wenig, wenn später niemand weiß, warum sie für die Firmengeschichte wichtig war.
Bei Bertelsmann beschreibt die Historische Kommission in der Einleitung ihres Berichts, dass zunächst kein systematisch geordnetes Firmenarchiv zur Verfügung stand. Während der Forschung wurden eigene Unterlagen und Kopien aus anderen Archiven zusammengeführt und erschlossen. Nach Angaben des Unternehmens bildete diese Sammlung die Basis des späteren Unternehmensarchivs.3
Ein kleines Unternehmen braucht dafür nicht zwangsläufig ein eigenes Archiv mit festen Personalstellen. Schon eine geordnete Sammlung mit verständlichem Verzeichnis, Herkunftsangaben und geregelter Zuständigkeit kann verhindern, dass mühsam recherchiertes Wissen mit dem nächsten Personalwechsel wieder verschwindet. Der erforderliche Aufwand hängt vom Bestand und der späteren Nutzung ab.
Wichtig ist, diese Sicherung ausdrücklich im Auftrag zu berücksichtigen. Ein fertiger Text und eine nutzbare Dokumentation sind zwei Leistungen, die zusammengehören können, aber nicht automatisch denselben Umfang haben.
Auch schwierige Ergebnisse helfen bei heutigen Entscheidungen
Die Sorge vor belastenden Erkenntnissen ist nachvollziehbar. Wer eine Untersuchung beauftragt, weiß vorher nicht, wie sich das vertraute Bild verändern wird. Ein Unternehmen kann nach der Veröffentlichung außerdem mit Fragen konfrontiert werden, die ohne die Studie zu diesem Zeitpunkt vielleicht nicht gestellt worden wären.
Deshalb wäre es unseriös, Aufarbeitung als Garantie für einen besseren Ruf anzubieten. In seiner Stellungnahme bezeichnet Bertelsmann die wissenschaftliche Unabhängigkeit der Kommission als Voraussetzung dafür, Glaubwürdigkeit in Bezug auf die eigene Geschichte zurückzugewinnen. Das ist eine Bewertung des Unternehmens selbst. Sie ist kein unabhängiger Nachweis dafür, dass eine solche Wirkung bei jedem Auftraggeber eintritt.4
Für die heutige Leitung liegt der Gewinn darin, über ihren Umgang mit einem bekannten und untersuchten Vorgang entscheiden zu können. Sie kann eine falsche Darstellung berichtigen, eine bisherige Ehrung neu bewerten oder eine Form des Gedenkens entwickeln, die zum tatsächlichen Geschehen passt. Ohne diese Kenntnis bleibt schon unklar, worauf eine angemessene Reaktion antworten müsste.
Dabei hängt viel von der Unabhängigkeit der Forschung ab. Die Gesellschaft für Unternehmensgeschichte schließt bei ihren Projekten Eingriffe des Auftraggebers in die wissenschaftliche Arbeit und Veröffentlichung vertraglich aus. Das beschreibt einen Qualitätsmaßstab, den Unternehmen bei der Vergabe eines Forschungsauftrags berücksichtigen sollten.5
Ein Bericht, dessen Ergebnis von Anfang an feststeht, hilft bei einer späteren kritischen Nachfrage wenig. Sein Wert liegt gerade darin, dass auch widersprechende Belege untersucht und in der Bewertung berücksichtigt wurden.
Was Sie am Ende tatsächlich in der Hand haben sollten
Damit die Arbeit im Alltag nutzbar wird, sollte vor Beginn geklärt werden, welche Ergebnisse benötigt werden. Für einen Auftrag zur bislang unerforschten NS-Geschichte eines Unternehmens kommen insbesondere diese Bestandteile infrage:
- Eine historische Darstellung mit Belegen. Sie beantwortet die vereinbarten Fragen, ordnet die Vorgänge ein und macht verbleibende Lücken kenntlich.
- Eine verständliche Zusammenfassung für die Verantwortlichen. Geschäftsführung und Eigentümer können daraus die wesentlichen Ergebnisse und ihren Handlungsbedarf erkennen.
- Eine geordnete Dokumentation der verwendeten Quellen. Sie ermöglicht es, Aussagen nachzuprüfen und bei späteren Fragen auf bereits geleistete Arbeit zurückzugreifen.
- Geeignete Texte oder Materialien zur Vermittlung. Je nach gesonderter Vereinbarung können Ergebnisse für die Webseite, eine Veranstaltung oder interne Gespräche aufbereitet werden.
Diese Bestandteile haben unterschiedliche Aufgaben. Eine kurze Darstellung auf der Webseite muss gut lesbar sein. Der ausführliche Bericht muss nachvollziehbar machen, wie seine Aussagen zustande kommen. Werden beide sorgfältig aufeinander abgestimmt, kann das Unternehmen verständlich über seine Geschichte sprechen und auf Nachfrage zeigen, worauf es sich stützt.
Der Umfang sollte zur Frage passen
Nicht jeder Betrieb benötigt sofort eine Gesamtdarstellung seiner Geschichte seit der Gründung. Wenn zunächst die Vorgänge an einem bestimmten Standort oder die Rolle eines früheren Geschäftsführers geklärt werden sollen, lässt sich damit beginnen. Der Untersuchungsrahmen muss allerdings erweitert werden, wenn die Quellen Zusammenhänge erkennen lassen, ohne die sich die Ausgangsfrage nicht sinnvoll beantworten lässt.
Eine Vorrecherche hilft, diesen Aufwand einzuschätzen. Die Gesellschaft für Unternehmensgeschichte beschreibt die Sichtung der Quellenlage als Voraussetzung dafür, Machbarkeit, Zeitbedarf und Kosten einer anschließenden Studie fundierter zu planen. Ihr Ergebnis ist zunächst eine Entscheidungshilfe für das weitere Vorgehen.6
Für den Auftraggeber wird damit auch die Investition überschaubarer: Welche Frage soll beantwortet werden, welches Material ist vorhanden und wofür werden die Ergebnisse anschließend gebraucht? Der Umfang muss auch in der späteren Darstellung erkennbar bleiben. Aus der Erforschung eines Standorts folgt keine vollständige Aufarbeitung aller Unternehmensteile.
Eine aufgearbeitete Unternehmensgeschichte lohnt sich dort, wo dieses Wissen gebraucht und verwendet wird. Sie hilft Verantwortlichen, Auskunft zu geben, Entscheidungen zu begründen und der nächsten Generation eine überprüfbare Geschichte zu hinterlassen. Ob daraus Vertrauen entsteht, entscheidet sich auch daran, wie das Unternehmen mit den Erkenntnissen umgeht.
Quellen:
1: [Unabhängige Historische Kommission: Ergebnisse vom 7. Oktober 2002, S. 2](https://bcc-cdn.bertelsmann.com/asset/908027409915/document_tnqho32qvl1r34j0pftssl5u0p/pm-von-uhk.pdf?content-disposition=inline)
2: [Volkswagen: Forschung, Erinnerungsstätte und Bildungsarbeit](https://www.volkswagen-group.com/de/die-erinnerungsstaette-an-die-zwangsarbeit-auf-dem-gelaende-des-volkswagenwerks-15867)
3: [UHK-Bericht, Einleitung, S. 12–13](https://www.bertelsmann.de/media/news-und-media/downloads/bertelsmann-im-dritten-reich-teil-i.pdf), [Bertelsmann: Umgang mit den Forschungsergebnissen](https://www.bertelsmann.com/de/media/specials/bertelsmann-waehrend-der-zeit-des-nationalsozialismus/)
4: [Bertelsmann: Stellungnahme zur historischen Aufarbeitung](https://www.bertelsmann.com/de/media/specials/bertelsmann-waehrend-der-zeit-des-nationalsozialismus/)
5: [GUG: Wissenschaftliche Unabhängigkeit](https://unternehmensgeschichte.de/NS-Aufarbeitung)
6: [GUG: Historische Vorrecherchen](https://unternehmensgeschichte.de/Recherchieren)


